Dr.jur. Gertrud Heinzelmann
Aus: Zur Priesterin berufen , red. Ida Raming, Gertrud Jansen, Iris Müller and Mechtilde Neuendorff, Druck und Verlagshaus Thaur (Krumerweg 9, A-6065 Thaur, Austria) 1998, pp. 36-42.
1914 geboren in Wohlen AG, Schweiz
1934 Maturität
Studien an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, abgeschlossen mit dem Doktorat iuris utriusque; Dissertation: Das grundsätzliche Verhältnis von Kirche und Staat in den Konkordaten (Heft 98 der Zürcher Beiträge zur Rechtswissenschaft, 1943) Langjährige Tätigkeit im Anwaltsberuf
1963 -1976 Leiterin des Büros gegen Amtsund Verbandswillkür des Migros-Genossen- schafts-Bundes
2o fahre Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht, jetzt für Frauenrechte
2o Jahre Vorstandsmitglied und 4 Jahre Präsidentin des Frauenstimmrechtsvereins Zürich aktiver Kampf um politische Gleichberechtigung
1972 -1975 Bischofs-Synodale in der Diözesansynode Chur
1981 Binet-Fendt-Preis (Eidgenössisches Departement des Inneren) in Pension seit 1. Juli 1976; seither Studien an der Universität Zürich (Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, Archäologie)
[Aus Alters- und Gesundheitsgründen hat Frau Dr. Heinzelmann Frau Dr. Ida Raming gebeten, den folgenden Beitrag zusammenzustellen.]
„Ich ergreife das Wort als eine Frau unserer Zeit, die durch Studium, Beruf und eine langjährige Tätigkeit in der Frauenbewegung die Nöte und Probleme ihrer Schwestern kennt. Ich wende mich an Sie in der Hoffnung, daß meiner Eingabe die Beachtung zukomme, die sie nach dem Ernst und der Schwere ihres Inhaltes verdient. Denn indem ich meinen Gedanken Ausdruck gebe, empfinde ich mich als Schwester aller Schwestern. Meine Worte möchte ich verstanden wissen als Klage und Anklage einer halben Menschheit – der weiblichen Menschheit, die während Jahrtausenden unterdrückt wurde und an deren Unterdrückung die Kirche durch ihre Theorie von der Frau in einer das christliche Be- wusstsein schwer verletzenden Weise beteiligt war und beteiligt ist…”
Mit diesen Worten beginnt die Eingabe von Frau Dr. jur. Gertrud Heinzelmann, die sie am 23. Mai 1962 an die Vorbereitende Kommission des II. Vatikanischen Konzils richtete, mit dem Titel „Frau und Konzil – Hoffnung und Erwartung”.(1) Es war weltweit die erste Konzilseingabe einer Frau, die sich kritisch mit ihrer Stellung und Wertung in der römisch-katholischen Kirche auseinandersetzte und als Konsequenz daraus den Zugang von Frauen zum Priesteramt forderte. Mit dieser mutigen Einzelstimme verbündeten sich während der Konzilszeit weitere Stimmen deutscher und amerikanischer Frauen/Theologinnen, die ebenfalls die Aufhebung der Diskriminierung der Frauen und ihre volle Gleichberechtigung in der katholischen Kirche forderten. Inzwischen sind es nicht mehr nur einzelne Pionierinnen, sondern es hat sich eine weltweite Bewegung für Frauenordination und für volle Gleichberechtigung der Frau in der Kirche entwickelt. Dies ist ein Grund, an dieser Stelle die Frau zu Wort kommen zu lassen, die am Anfang dieser Bewegung steht, und sie in die Zahl derjenigen Frauen einzureihen, die Zeugnis von ihrer priesterlichen Berufung geben; dies um so mehr, als Gertrud Heinzelmann, am 17.06.1914 in der Schweiz geboren, heute aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr in der Lage ist, ihren „Bericht” selbst zu verfassen. (Sie hat aber ausdrücklich ihre Zustimmung dazu gegeben, aus ihren Veröffentlichungen dieses Zeugnis durch Ida Raming zusammenzustellen.)
Gertrud Heinzelmann studierte Rechts- und Staatswissenschaft an der Universität Zürich; zweifellos hätte sie gern Theologie studiert, aber das Studium katholischer Theologie war zu ihrer Zeit für Frauen noch nicht möglich. Im Zusammenhang mit der Arbeit an ihrer Dissertation über „Das grundsätzliche Verhältnis von Kirche und Staat in den Konkordaten” (1943) erwarb sie sich das Wissen über die Stellung der Frau in Theologie und Kirche: Wie sie schreibt, stiess sie dabei auf zahlreiche antifeministische patristische und scholastische Zitate, die von einer Frau sprachen, „die nur Minderwert ist, ungeistige Materie und deshalb Versuchung… Statt der geistigen Erhebung, die ich naiverweise von der theologischen Denkweise erwartet hatte, fand ich Verkennung, Erniedrigung und Unterdrückung… Ungeachtet der Verzögerung meiner Dissertation fühlte ich mich in allen Fasern gedrängt, weinenden und zornigen Herzens diese misogynen Textstellen für meine persönliche Dokumentation zu notieren. So durchsuchte ich auch Wälzer um Wälzer der Summa Theologiae des Thomas von Aquino… Das also war das wahre Gesicht des berühmten Doctor angelicus! Mit wachsendem Entsetzen stellte ich ein umfangreiches Ringheft mit seinen Zitaten und meinen Kommentaren zusammen. In einer Einführung’ notierte ich als Quintessenz dieser Studien, „wonach jene Stellen, welche die Frau betreffen, im schärfsten Widerspruch stehen zu jenen andern, behandelnd den Menschen im allgemeinen… Was die Frau betrifft, ihr Menschentum… so kann gegenüber Thomas von Aquin und, ihm folgend, der Kirche, meine Haltung keine andere sein als die der äussersten Gegnerschaft …” (2)
Was Gertrud Heinzelmann zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte: Diese Exzerpte und persönlichen Kommentare sollten später die Grundlage ihrer Konzilseingabe bilden. Aufgrund der Veröffentlichung: „Umfrage zum Konzil” (Herder, Enquete der Zeitschrift „Wort und Wahrheit”, 1961) stellte sie fest, daß unter den „Wünschen an das Konzil” das Thema „Frau in der Kirche” keine Rolle spielte, daß es darunter keine Forderung der Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche gab. So fasste sie den Entschluss, im Namen der unterdrückten Frauen die Stimme zu erheben, und griff dabei zurück auf ihre während des Studiums zusammengestellte Materialsammlung. Über ihre Motive schreibt sie u.a.: „Der Tenor meiner Konzils- eingäbe war wissenschaftlich … – meine verletzten Gefühle erschienen nur am Rand. Tatsächlich waren sie das Diktat meines heissen Herzens. Die ganze Gefühlsintensität meiner in der katholischen Kirche verlebten Jugend stand hinter meiner Argumentation, mit der ich die antifeministischen Thomas-Zitate kritisierte, die Lehre von der vernünftigen Seele zur Formulierung prinzipieller Postulate namens der Frauen benutzte. – Was brach da nicht alles auf”(3) – in ihrer Erinnerung!
Es waren z.B. frühkindliche religiöse Fragen und Sehnsüchte – anlässlich einer Fronleichnamsprozession angeregt und wiederholt bitter enttäuscht -, nicht zuletzt durch traumatische Erfahrungen mit der Beichte, die kleinen Schulkindern damals als Pflichtübung aufgebürdet wurde… Schon bei ihrer Erstbeichte regte sich der tiefe Wunsch nach einer Frau im geistlichen Amt, der sich das junge Mädchen eher öffnen konnte als einem Mann, der ihre Probleme und Ängste nicht verstand … „Die Frau, die ich in der Not meiner Seele suchte, gab es nicht.”
Statt dessen gab es nicht selten frauenfeindliche Pfarrer und Theologen, besonders einen Benediktinerpater, den sie als Jurastudentin mit ihren religiösen Problemen und Fragen konfrontierte, der jedoch ihre religiöse Berufung und Bereitschaft für das Priesteramt zu zerschlagen versuchte: „Seine Begründung war thomistisch-aristotelisch: Die Frau der Materie zugeordnet, wesensmässig passiv, empfangend, war nach seiner Ansicht ontologisch unfähig zum Empfang der dem Mann als dem aktiven und geistigen Prinzip vorbehaltenen Weihen zur Ausübung des Priestertums…. Durch die dauernde Überschüttung mit den ontologischen Negativismen des passiven, empfangenden Prinzips, das ich als Frau verkörpern sollte, fühlte ich mich schwer beeinträchtigt im Lebensgefühl von vorwärtsstrebender Kraft und geistiger Energie, mit dem ich selbständig Schritt für Schritt mein Studium aufbaute. Mehr noch: Ich fühlte, daß ich bei Fortführung der Kontakte geistig an den inneren Widersprüchen zerbrechen würde. Was mir in den mündlichen und schriftlichen Auseinandersetzungen vorgesetzt wurde, war nichts anderes als das traditionelle Gedankengut der Kirche von der Frau. Ich empfand es als Gift, das anfing, mich krank zu machen. Im Gefühl einer drohenden psychischen Gefahr machte ich Schluss – radikal und kompromisslos – Schluss mit aller Korrespondenz, mit Unterredungen, aber auch Schluss mit Kirchgang und kirchlicher Praxis von einem Tag auf den andern. Wie die Scherben einer zertrümmerten Fensterscheibe fielen meine jahrelangen Bemühungen um Religiosität in der Kirche zu Boden… Ich hätte mit grossem Getöse aus der Kirchen austreten wollen, laut in alle Welt hinausrufend, daß ich als Frau unserer Zeit gegen die mir und meinen Schwestern auferlegte geistige Diskriminierung opponiere, die seit Jahrhunderten mit falschen Argumenten geübte Unterdrückung als tödliche Bedrohung ablehne. Meine Mutter bat mich, dies nicht zu tun. Schliesslich sah ich ein, daß in meiner damaligen Situation der machbare Lärm in einem Brief an das Pfarramt bestanden hätte, der bestenfalls im Lokalblatt unter Eingesandt’ erschienen wäre …”
„Von den Lasten der diskriminierenden Kirche (durch Aufgabe der kirchlichen Praxis) befreit, durchschritt ich meine letzte Studienzeit; kein priesterlicher Zeigefinger wies fortan auf meine Geschlechtlichkeit, kein kirchlicher Amtsträger zerbrach meinen Elan. Die gute Ausbildung, mit der ich die Universität verliess, hätte trotz der Ungunst der Kriegszeit einem jungen Mann interessante Wege geöffnet. Ich musste erkennen, daß ich bisher in einem Schonklima gelebt hatte. Denn wieder fiel das Geschlecht auf mich, als wäre es der dunkelste aller Schatten … die Juristin war im Bild der damaligen Gesellschaft nicht präsent. Für Männer mochte gelten, daß die juristische Ausbildung alle Chancen öffnet – von den breitgefächterten Möglichkeiten blieb für mich nichts anderes übrig, als ein kleiner geöffneter Spalt. Ich wurde Rechtsanwältin in einer Rechtsschutzversicherungsgesellschaft. Die allgemeine politische Rechtlosigkeit der Schweizerfrauen lag lastend auf mir wie ein schweres Leiden, von dem ich Heilung verlangte. Der Kampf um die politischen Frauenrechte war für mich der Weg zur Gesundung…”(4)
Diesem Kampf widmete sich Gertrud Heinzelmann in der Folgezeit: Als langjährige Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht und als Präsidentin und Vizepräsidentin des Frauenstimmrechtsvereins Zürich sowie durch eine reiche publizistische Tätigkeit hatte sie einen massgeblichen Anteil an der Durchsetzung der politischen und zivilrechtlichen Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz.
Aufgrund der Erfahrung, daß das „traditionelle Frauenbild, wie es von allen christlichen Konfessionen verstanden und hochgehalten worden war,… – bald ausgesprochen, bald unterschwellig – auf die Kämpfe um die politischen Frauenrechte drückte”, und aufgrund der Erkenntnis, daß „die Diskriminierung (der Frau) auf staatlichgesellschaftlichem Boden nur einen Teil jener viel grösseren geistigen Diskriminierung darstellt, welche durch das Christentum … – insbesondere in der mir von Jugend an vertrauten katholischen Kirche – auf die Frauen gelegt worden war” (5), verlor sie allerdings nie die Situation der Frauen in dieser Kirche aus den Augen: In der entscheidenden Stunde, am Vorabend des II. Vatikanischen Konzils, konnte sie daher für die Frauen in der katholischen Kirche die Forderung nach Zugang zum Priesteramt und damit nach voller Gleichberechtigung in der Kirche in öffentlicher Form stellen und argumentativ begründen.
Wie zu erwarten, rief die 1962 erstmalig veröffentlichte Konzilseingabe von Gertrud Heinzelmann heftige Gegenreaktionen, Beleidigungen, Beschimpfungen, aber auch Intrigen hervor. Andererseits entwickelten sich aufgrund der Veröffentlichung aber auch erste Kontakte mit Theologinnen in Deutschland und Amerika, so daß es – u.a. durch Verbindungen zu einem progressiveren internationalen katholischen Frauenverband, der „St. Joan’s International Alliance” – zu einer Solidarisierung von gleichgesinnten Frauen kam, die sich inzwischen zu einem internationalen Netzwerk „Women’s Ordination Worldwide” entwikkelt hat.
Den einmal eingeschlagenen Weg: Einsatz für volle Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche setzte Gertrud Heinzelmann auch nach dem 2. Vatikanischen Konzil fort. Dieser Einsatz fand seinen Niederschlag in mehreren wichtigen Veröffentlichungen.(6)
Auch heute noch, als 84jährige Frau, verfolgt sie mit grossem Interesse die weitere Entwicklung in bezug auf die Stellung der Frau in der Kirche.
Wieviel Frauengenerationen müssen wohl noch alt werden oder gar hinwegsterben, ehe es in dieser Hinsicht zu greifbaren Fortschritten kommt? Diese von Tausenden mitgetragene Frage ist zugleich eine Anklage, gerichtet an die Adresse der verantwortlichen Amtsträger wegen deren Konservativismus und Herzenshärte angesichts der anhaltenden schweren Diskriminierung der Frauen in der römisch-katholischen Kirche
Anmerkungen
1. Die Eingabe wurde erstmalig veröffentlicht in: Die Staatsbürgerin. Mitteilungsblatt des Frauenstimmrechtsvereins, Zürich, 18. Jg.(1962) Nr. 7/8; später in der von G. Heinzelmann herausgegebenen (deutsch-engl.) Broschüre: Wir schweigen nicht länger! Frauen äussern sich zum II. Vatikanischen Konzil. Zürich 1964 (jetzt: Interfeminas-Verlag, CH 8906 Bonstetten) S.20-44. Es handelt sich dabei um die erste feministisch kirchliche Publikation im modernen Sinn
2. Gertrud Heinzelmann: Die geheiligte Diskriminierung. Beiträge zum kirchlichen Feminismus. Bonstetten 1986, S 91f
3. a.a.O. S.98.
4. Gertrud Heinzelmann: Die geheiligte Diskriminierung, S. 103ff.
5. Gertrud Heinzelmann: Die geheiligte Diskriminierung, S.107,92
6. Gertrud Heinzelmann: Die getrennten Schwestern. Frauen nach dem Konzil. Zürich 1967, jetzt: Interfeminas-Verlag CH 8906 Bonstetten (Diese Broschüre ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument: sie enthalt die Konzilsansprachen zum Thema ‘Frau in der Kirche’, darüber hinaus andere wichtige Dokumente zu diesem Thema aus der letzten Phase des Konzils und aus der Zeit unmittelbar nach dem Konzil);
ferner das Buch: Die geheiligte Diskriminierung. Beiträge zum kirchlichen Feminismus. Bonstetten 1986; (Übersetzung ins Italienische: Donna nella Chiesa. Problemi del femminismo cattolico. Xenia Edizioni, Milano 1990). Dieser Veröffentlichung sind die Zitate in diesem Bericht entnommen.
Klicken Sie hier, wenn Sie meine Kampagne für Priesterinnen unterstützen wollen. |
Dieses Dokument kann frei verwendet werden. Wir ersuchen jedoch um die Quellenangabe www.womenpriests.org.
